Familie Bogajewicz
Wagen im Bau
Fertigung der Einzelteile
Fertigung Räder
Schmiedearbeiten
Wagen auf Transporter
Wagen im Einsatz

Ohne Wagen keine Tour - Besuch bei Firma Bogajewicz in Pniewy (Polen)

Anlässlich des Jubiläums der Besiedlung des Flämings durch die Flamen startet am Wochenende des 2. Mai ein Treck von Brügge (Belgien) nach Brück in Brandenburg. So wie um 1159 ganze Siedlergruppen, meistens in Planwagen, gezogen von starken Kaltblutpferden, von Flandern gen Osten in den Fläming zogen, soll der Treck im Jahr 2009 noch einmal auf den ca. 1200 km langen Weg geschickt werden und von der gemeinsamen Geschichte künden. Die Idee, einen solchen historischen Siedlerzug nachzuvollziehen, entstand im Kaltblut Zucht- und Sportverein Brück e.V. Der Verein wurde Anfang 2002 gegründet, Vorsitzender ist Thomas Haseloff. Hauptanliegen des Vereins ist die jährliche Veranstaltung des größten Kaltblutevents in Deutschland, auch bekannt unter dem Namen „Titanen der Rennbahn“. Und nun, im Jahr 2009, gibt es das Zusatzprojekt "Titanen on Tour".

10 Planwagen gezogen von 20 Kaltblutpferden und ein Begleitteam werden auf die Strecke gehen. Die Pferde stammen aus dem Stall Haseloff in Brück. Mit fast 100 Pferden ist die Kaltblutzucht der Brüder Burkhard und Thomas Haseloff der größte Zuchtbetrieb des Landes Brandenburg. Sie züchten die vor dem Aussterben bedrohte Nutztierrasse Rheinisch-Deutsches Kaltblut. Das Rheinisch Deutsche Kaltblut ist ein exzellentes Zug- und Fahrpferd. Aber um historisch korrekt zu sein, müssen die Pferde Wagen ziehen, die den Wagen des Jahres 1159 entsprechen.

Diese Wagen werden von der Handwerksfirma Bogajewicz in Pniewy (deutsch Pinne) in der Wojewodschaft Großpolen. ca. 200 km östlich von Berlin, extra angefertigt. Vorbild war ein historischer Wagen, den die Gruppe EXPERIMENTUM- lebendiges Mittelalter, Dr.Best, zur Verfügung gestellt hatte. Insgesamt 11 Wagen werden nun in Polen bis Ende März hergestellt, schon im Januar trafen die ersten Exemplare in Deutschland ein und wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. Und es wurde ein wichtiges Detail erklärt : die Federung unterscheidet eine Kutsche vom einem Wagen. Zwar heute ist bekannt, dass die Römer bereits erste gefederte Reisewagen bauten, diese Technik aber mit dem Untergang der Antike wohl verloren ging. Erst im 15. Jahrhundert, also nach der Besiedlung des Flämings durch die Flamen, wurde die Federung im ungarischen Kocs erneut erfunden. Das Wort Kutsche leitet sich vom ungarischen Kocsi ab. ‚Kocsi‘ bedeutet „aus Kocs“, dem Ort, wo die ersten Kutschen hergestellt wurden.
Fakten pro Wagen : 960 kg Leergewicht, ca. 8 Wochen Bauzeit, 2,5 Kubikmeter Holz, Holzarten Akazie, Buche, Eiche, Esche und Kiefer, kein Gummi auf den Reifen, keine Federung, alle Teile in Handarbeit hergestellt.

Der geschäftliche Kontakt zwischen den Familien Haseloff und Bogajewicz besteht bereits seit 1989. Der mit seinem Vater Michal zusammenarbeitende Sohn Mikolaj repräsentiert schon die vierte Generation des Familienbetriebs Bogajewicz. Nachdem Albin Bogajewicz in der Berliner Hofwagenfabrik von Zimmermann den Meistertitel erlangt hatte, gründete er 1890 in Pniewy seine eigene "Fabrik von Wagen, Pferdewagen und Karosserien". Die sich rasch entwickelnde Firma machte sich auf dem Markt einen Namen, indem sie Pferdewagen für den Landadel und reiche großpolnische Bauern herstellte. Die Weltkrise der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg überstand die Firma dank der Tatsache, dass Bogajewicz 1926 eine rentable Landmaschinenfabrik gekauft hatte. 1931 wurde das Unternehmen von Leonard Bogajewicz übernommen. Die Pferdewagenherstellung vernachlässigte er nicht, obwohl er finanzielle Schwierigkeiten hatte und viel Geld in die rentablere Landmaschinenfabrik investierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Firma von einer widerrechtlichen Verstaatlichung betroffen. 1954 setzte ein zögernder Wiederaufbau der Firma ein. Unter der Leitung von Michal Bogajewicz befasste sich das Unternehmen in den sechziger Jahren mit der Renovierung alter Wagen und es arbeitete mit polnischen Museen zusammen. Auch im Exportbereich sind Bogajewicz' mittlerweile sehr erfolgreich. Kunden aus ganz Europa und der ehemaligen Sowjetunion schätzen die Qualität der Kutschen. Im Jahr werden von 52 Mitarbeitern bis zu 100 Kutschen hergestellt oder restauriert. Die Zucht Arabischer Pferde von Michal Bogajewicz ist zwar eher ein Hobby, aber er hat bereits erfolgreiche Championatspferde in alle Welt verkauft.

Staunend, aber mit großer Anerkennung werden in Polen die jährlich neuen Vorhaben der Brücker Pferdefreunde beobachtet. Schliesslich ist der Einsatz ihrer Wagen bei dem europäischen Großprojekt eine wichtige Referenz. Bogajewicz freut sich auf weitere Jahre guter Zusammenarbeit mit den "innovativen Brüdern Thomas und Burkhard Haseloff".  Mehr Fotos finden Sie in der Foto-Galerie Wagenbau Polen